Kinderlieder und die Flüchtlingsdebatte

Vor einiger Zeit haben wir von einer Nachbarin einen Stapel Kinderbücher bekommen. Sie gehörtem ihrem Sohn, der mittler­weile schon über 30 ist – es handelt sich also nicht um Neuerscheinungen. In einem Buch mit Kinderliedern, veröf­fent­licht in 1979, entdeckte ich mit meinem Sohn zwischen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ und „Backe, backe Kuchen“ die Seite, die ihr auf dem Foto seht. Mit diesem Lied:

Maikäfer, flieg!
Dein Vater ist im Krieg,
deine Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer, flieg!

Diese Seite hat mich innerlich zusam­men­zucken lassen. Ich habe aufgehört vorzu­lesen und schnell umgeblättert – Kriege gehören nicht in Kinderliederbücher, dachte ich im ersten Impuls.

Als mein Sohn schon schlafen gegangen ist, habe ich nachge­dacht. Emil beweint im Moment jede Fruchtfliege, die im Saft ertrunken ist und jede Ameise, über die ein Fahrrad gefahren ist. Deswegen versuchen wir ihm das Traurige, wenn nicht ganz zu ersparen, dann zumindest dezent zu portio­nieren. Ich glaube, wie alle Eltern versuchen wir unsere Kinder vor dem Bösen der Welt zu beschützen. Keine Kriegsbilder, kein Blutvergießen, keine Grausamkeiten.

Für meine Generation ist der Frieden ganz selbst­ver­ständlich. Die Kriegsverbrechen, die Gräueltaten  — die gab es mal, die gibt es anderswo, das wissen wir. Ist ganz furchtbar. Aber bei uns herrscht Ruhe. Und was ein Krieg ist, erfahren unsere Kinder aus der Sendung mit der Maus.

Nur immer häufiger, wenn ich die Nachrichten schaue, denke ich darüber nach, ob das Lied Maikäfer, flieg doch nicht wieder in den Kinderbüchern abgedruckt werden sollte. Damit wir alle daran erinnert werden, was auf dem Spiel steht, wenn sich die Hassparolen und die Respektlosigkeit anderen Menschen gegenüber ausbreiten.

Dazu ein sehr aktuelles Fragment aus dem Text „Gedächtnisübungen“ von R. Kapuściński, dem Meister der Reportage und einem scharf­sin­nigen Analytiker, der den Zweiten Weltkrieg als Kind und mehrere Bürgerkriege als Journalist erlebt hat.

In dem uns möglichen Maße sollten wir alles bekämpfen, was wieder zu Krieg, Verbrechen und in eine Katastrophe führen könnte. Denn wir, die den Krieg durchlebt haben, wissen, wie er beginnt und wo seine Ursachen liegen. Wir wissen, dass er nicht nur mit Bomben und Raketen beginnt, sondern mit Fanatismus und Stolz, Dummheit und Verachtung, Ignoranz und Hass. All das bereitet ihm einen Nährboden, auf dem er wachsen und sich ausbreiten kann. Deshalb sollten wir die Verschmutzung menschlicher Beziehungen durch Ignoranz und Hass bekämpfen, genauso wie einige von uns die Luftverschmutzung bekämpfen.“

Würde der Maikäfer heutzutage losfliegen und in der Bundesrepublik Deutschland ankommen, würde er als ein/e minderjährige/r Geflüchtete gelten. Er würde zunächst vom Jugendamt in Obhut genommen werden und einem Erstscreening unter­zogen werden. Man würde sein Gesundheitszustand einschätzen und klären, ob er Verwandte in Deutschland hat, die sich um ihn kümmern können. Die EU würde ihm einen beson­deren Schutz zusprechen. Er dürfte höchst­wahr­scheinlich bis zur Vollendung vom 18. Lebensjahr in Deutschland mit einer Duldung leben. „Eine Duldung verschafft dem Ausländer keinen recht­mä­ßigen Aufenthalt in Deutschland; der Geduldete muss weiterhin das Bundesgebiet verlassen, es wird aber vorüber­gehend davon abgesehen, die Ausreisepflicht mit dem Zwangsmittel der Abschiebung durch­zu­setzen.“ (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de)

Den ganzen Text von Ryszard Kapuścinski kann man auf Deutsch u.a. hier nachlesen: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6777&lg=de

Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Susanne Schuster und wurde von Fausto Giudice überprüft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.