Leben als Mamagerin – ein bisschen Jammern ist o.k.!

Ich bin kein beson­derer Fan vom kollek­tiven Jammern. Auch indivi­du­elles Jammern stand mir nie besonders gut. Aber… man wird älter, man wird Eltern, das Leben ändert sich und ab und zu mal ertappt man sich doch bei dem Gedanken, dass man endlich mal das verdammte Glas voll haben möchte anstatt von halb voll oder halb leer!

Und vor allen Dingen will man endlich selbst entscheiden, was in das Glas reinkommt. Ohne dass man dem 5-jährigen zum X-ten Mal erklären muss, warum im Glas kein Saft ist, sondern Wasser. Ohne, dass man Trinken mit dem beson­deren, 3-jährigen Kind üben muss, ohne dass man den durch­ge­kauten Spezialsauger wieder neu bestellen muss.

Einfach ein volles Glas.

Gut, von mir aus auch halb voll aber bitte für MICH alleine. Könnte dann auch mit leicht alkoho­li­schem Getränk gefüllt sein. Ohne dass man sich Gedanken macht, wie man danach die nächste schlaflose Nacht schaffen soll.

Apfelschorle, Glas halbvoll.

Seit meine Kinder auf der Welt sind, seit 5 Jahren also,  entscheide ich selten darüber wann ich schlafen gehe, wie und wie lange ich schlafe und ob ich überhaupt schlafe. Gerade hat uns die nächste Phase erwischt, in der unsere Tochter die Nacht zum Tag macht – eine Schlafstörung gehört zu ihrem Syndrom dazu. Das heißt in Praxis wir gehen mit Papa schlafen, schlafen nicht, stehen auf und tun so, als hätten wir geschlafen. Angeblich, wenn man sich vorstellt, man hat ganz lange und erholsam genächtigt, ist man weniger müde. Ich stelle mir also morgens vor, ich wäre eigentlich top fit und krieche zu der Kaffeemaschine. Meine Fitness-Uhr, die alles – auch die Schlafenszeit — misst, muss ich nachts meistens abnehmen. Die neben mir liegende Tochter findet es toll, dass die Uhr aufleuchtet, wenn sie darauf klopft.

Schon o.k.: Ich nehme die Uhr ab. Bei mir es gibt nachts ohnehin nichts zu messen. Ich liege ja nur (0 Schritte, 0 aktive Minuten, 0 Schlafenszeit) und tue so, als würde ich schlafen — in der naiven Hoffnung, dass ich so das Kind zum Schlafen animieren kann. Denken muss nachts um jeden Preis vermieden werden. Die To-do-Listen, die man im Kopf erstellt oder überprüft, haben zur Folge, dass man dann gar nicht mehr zur Ruhe kommt, auch wenn das Kind dann tatsächlich einschlummern sollte. Nachts kann man höchstens im Geiste Kinderlieder summen – voraus­ge­setzt, man fängt dabei nicht allzu intensiv zu denken. Denken muss nachts vermieden werden. Nicht denken. Nicht denken. Denkt jetzt bloß nicht an den rosaroten Elefanten!

Ich stehe auf, krieche zu der Kaffeemaschine, stelle mir vor ich wäre ausge­schlafen und fange an, den Tag und die Termine von meinen Kindern zu managen. Hat unsere Tochter nachts besonders lange nicht geschlafen, ist davon auszu­gehen, dass sie wegen der Müdigkeit, den Tag nicht (ohne einen epilep­ti­schen Anfall) wuppen wird. In solchen Fällen beginnt der Morgen mit einer langen Absage-Litanei in einem halb komatösen Zustand… Die Krippe, Therapien, Arzttermine… Absagen, erklären, Ausweichtermine finden. Ein Zahnarzttermin für den Sohn, ein Geburtstagsgeschenk für die nächste Kinderparty kaufen, ein Therapeutengespräch hier, ein Termin im Sanitätshaus da… Zwischendurch sucht man online nach dem passenden Bett für die Tochter und bestellt das Buch über das kleine Wutmonster für den Sohn — aus gegebenem Anlass.

Kinder von der Kita und Krippe abholen. Chuchuwawa mit dem Sohn tanzen, in der Weihnachtsbäckerei singen, gesunde Mahlzeiten zubereiten und servieren. Die Wasser-Saft-Diskussion mit alters­ge­mäßen, pädago­gisch durch­dachten Argumenten füttern. Vorschulaufgaben aus der Kinderzeitschrift mit dem Sohn lösen. Dreimal erklären, warum wir nicht alle Playmobil-Teile, die in der Kinderzeitschrift beworben werden, kaufen werden. Die Grundlagen vom kapita­lis­ti­schen Finanzsystem in kindge­rechter Sprache erklären. Das Buch über das kleine Wutmonster vorlesen — aus gegebenem Anlass. Saftschorle servieren und diese auch selbst mit dem Gefühl der Niederlage und einem abgequältem Gesichtsausdruck wie ein Glas Whisky herun­ter­schlucken. Den durch­ge­kauten Spezialsauger bestellen. Nebenbei füttern, Wickeln, Tragen, Medikamente verab­reichen. Kurz Revue passieren lassen, was man an dem Tag alles nicht geschafft hat.  Schlafen legen.

Es gibt Tage, nicht alle aber viele, an denen ich einfach eine ‘Mamagerin’ bin – ich manage in Vollzeit und mit sehr vielen Überstunden das Leben meiner Kinder. Die Arbeit zahlt sich auf jeden Fall aus, bleibt aber dennoch größten­teils unbezahlt. Klar habe ICH mir das Leben mit Kindern ausge­sucht. Doch an manchen Tagen macht sich das Gefühl breit, dass ich ein vollkommen fremd­be­stimmtes Leben führe, in dem ich mir jeden auch noch so winzigen Raum für mich hart erkämpfen muss. Das sind eben die Tage, an denen ich von vollen Gläsern träume — nur für mich. Die Tage, an denen ich Apfelschorle wie Whisky herun­ter­schlucke und mir dabei denke: „Oha, was für ein derbes Tröpfchen!“.

In diesem Sinne: Prost an alle Mamagerinnen!

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